Welt des eSports: Cheese

Bei Welt des eSports fühlen wir einigen Begriffen aus dem eSport-Jargon etwas genauer auf den Zahn. Heute ist der gute alte Cheese an der Reihe - doch es handelt sich nicht um Milchprodukte.

bermuda 05.12.15

Das Thema: Cheeses. Die Definition: "Cheese" - zu deutsch "Käse" - ist ein Spielstil, der vor allem aus Starcraft-Universum bekannt ist. Verschiedene Cheese-Strategien basieren meist auf einem Element der Überraschung. Die Taktiken sind sehr riskant, haben jedoch das Potential, das Match schnell zu Gunsten des cheesenden Spielers zu beenden. Laut dem Bonjwa-Fremdwörterguide handelt es sich um eine "Taktik, deren Erfolg primär davon abhängt, ob sie gescoutet wird oder nicht". Kurz gesagt: High risk, high reward. Cheesen ist jedoch sehr verpöhnt. Warum das so ist, schauen wir uns jetzt genauer an.

Cheese everywhere

In den niedrigeren Divisionen der Starcraft II-Ladder sind Cheeseplays schon seit langem an der Tagesordnung. Selbst die Grandmasterspieler unter uns können sich bestimmt an einige frustrierende Spiele in der Bronze- oder Silberliga erinnern, in denen sie von einem 6-Pool gnadenlos überrannt wurden. Neueinsteiger im Starcraft-Buisiness müssen erst noch lernen, sich auf viele Dinge gleichzeitig zu konzentrieren. Da kann es schon einmal passieren, dass er einen Cannonrush nicht auf dem Schirm hat. Und wenn es dann doch passiert, macht sich schnell die Panik breit. Doch genau davon leben die käsigen Spielzüge - dem Überraschungsmoment und der darauf folgenden Hektik des Gegners. Er muss schnell reagieren, was meist in unüberlegten Aktionen endet. Überlebt der Kontrahent das Cheeseplay jedoch, hat er meistens einen großen Vorteil und kann das Spiel anschließend leicht für sich entscheiden. Daher ist es wichtig zu wissen, was kommen könnte und wie man sich dagegen verteidigen kann.

Cheesed auch mal ganz gerne: AcerBly | Quelle: Battle.net

Verschiedene sorten Käse

Welche verschiedenen Sorten an Cheeses gibt es? Eine der bekanntesten war vor Legacy of the Void wohl der gute alte 6-Pool. Der tapfere Bronzeligist begegnete mindestens einem dieser tödlichen All-Ins - und zwar jeden Tag. Doch mit dem dritten und letzten Addon hat sich alles geändert: Heute ist nur noch ein 12-Pool möglich. Dieser ist durch das erhöhte Starttempo aller Rassen jedoch nicht mehr so effektiv wie sein Vorgänger, kann aber noch immer gehörigen Schaden anrichten.

Der Cannon Rush war vor Legacy häufig der Käse der Wahl für Protossspieler. Man nehme: eine frühe Forge und einen versteckten Pylon in der gegnerischen Basis. Ein paar Cannons später ist der Reifeprozess bereits im vollen Gange und nur noch schwer zu stoppen. Diese Käsesorte sorgte besonders gut für Panik und Verwirrung, da sich die Cannons langsam und unaufhaltbar in der Basis ausbreiten. Scouten hat hier oberste Priorität! Denn wer den Pylon entdeckte und entsprechend reagierte, hatte bereits einen riesigen Vorteil gegen den Protoss. Doch auch in den höheren Ligen findet diese Methode Anklang. Wird er nicht als All-In gespielt, kann ein gezielter Cannon Rush die frühe Hatchery eines Zergs bestrafen. Auch in Legacy of the Void funktioniert diese Taktik noch, wenn der Gegner zwei Hatcheries baut, bevor er sich dem Pool widmet.

Quelle: YouTube

Eine weit verbreitete Cheesemethode ist außerdem der Proxy - die "Double Proxy Barracks" zum Beispiel. Um den Weg der Einheiten zum Gegner zu verkürzen, stellt der Terraner die Gebäude einfach versteckt in der Nähe der gegnerischen Basis auf und beginnt seinen All-In: Marines produzieren als gäbe es kein Morgen mehr - und dann möglichst schnell angreifen. Auch hier zeigt ein früher Scout, ob und wann in der Basis des Terraners die Barracks gebaut wurden. Im Prinzip kann aber jede Rasse seine Gebäude Proxy - also vorgeschoben - platzieren. Als Protoss werden nach wie vor Proxy Pylons gesetzt - auch gerne mit Stargate und anschließendem Oracle.

Doch mit Legacy of the Void und seinen neuen Einheiten entwickelten sich auch neue Cheesemöglichkeiten - der Pylon-Mothership Core-Rush beispielsweise. Dem Cannon Rush ziemlich ähnlich stellt der Protoss heimlich einige Pylons in oder vor der gegnerischen Basis auf und benutzt dann die Photon Overcharge-Fähigkeit des Mothership Cores. Diese macht die Pylons zu kleinen Geschützen, die dann nach und nach die gegnerische Basis zerstören.

Natürlich gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten zu cheesen. Doch gegen die meisten hilft nur eines: gut scouten und, wenn es schon passiert ist, einen kühlen Kopf bewahren. Viel wichtiger ist es nämlich, sich gegen Cheeses verteidigen zu können, als sie selber zu meistern. Falls ihr allerdings noch mehr über die Verteidigung gegen Cheese lernen möchtet, hier noch ein Geheimtipp: vor einiger Zeit hat Honor eine Reihe von Videos zum Thema "Cheese Defense" gemacht. Dabei zeigt er für jedes Protoss-Matchup Verteidigunsstrategien gegen verschiedene Cheesetaktiken. Eines für PvP, eines für PvT und eines für PvZ.

Warum wir cheesen

Um es kurz zu machen: weil es funktioniert. Es ist eine einfache, schnelle und effektive Methode ein Ranglistenspiel zu gewinnen. Und warum sollte der pragmatische Starcraft-Spieler diese nicht nutzen, wenn er möglichst schnell an die Spitze der Leiter will? Doch der Ärger am anderen Ende der Leitung ist dann oft auch ein fester Bestandteil des Spiels - verständlicherweise. Es ist schlicht frustrierend, wenn man sich voll und ganz auf seine Buildorder konzentriert, diese perfekt ausführt und dann von zwei Proxy-Gates überrant wird.

Dennoch sollte sich jeder von uns folgendes im Hinterkopf behalten: Verwendet ein Spieler ausschließlich Cheese-Taktiken, wird er auf lange Sicht nicht besser. Das wird er nämlich nur, wenn er lernt, sich gegen den Käse zu verteidigen.

Eure Meinung ist gefragt: Sind Cheeses valide Strategien, die fest zum Spiel gehören oder sind sie doch einfach nur nervig und frustrierend?

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bermuda

Jakob. Vasall der Redaktions-Fraktion seit etwas über einem Jahr. Abseits von Bonjwa bin ich Technikjournalismus & PR-Student im fünften Semester, Kletterfreund und Hearthstone-Mastermind. Die eSport-Szene verfolge ich seit 2010 und in Zukunft versorge ich euch mit allem, was mir zur Gamingwelt durch den Kopf geht.

5. Dezember 2015 - 23:05
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frenki
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25.01.2019 - 15:53
02.11.15
39

You can call me cheesy platin guy 8-)

Ich finde cheeses und all ins super und spaßig, besonders unterhaltsam finde ich es wenn Gegner nach einem loss flamen und ragen :P

6. Dezember 2015 - 0:09
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NoBoDy90
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19.08.2016 - 17:00
27.06.15
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Schöner Beitrag in dem alles gesagt ist.

Cheeses sind Bestandteil des Spiels und machen SC2 zu dem was es ist. Jederzeit kann alles geschehen. Somit sind die Spieler immer gezwungen gut zu Scouten, den Gegner zu lesen und entsprechend zu reagieren. Wäre dem nicht so würde jeder seine BO nur stumpf herunter spielen und alles wartet auf EINEN großen Fight, fertig. Klingt nicht sehr spannend für den Zuschauer :D

Für einen Newbie wie mich ist es auch wichtig gegen diese Cheeses zu verteidigen. Anfangs war es immer frustrierend ständig gegen nen 6-Pool zu verlieren oder gecannon rusht zu werden. Aber es zwingte mich förmlich zu einem Lernprozess und sorgte dafür das ich "besser" wurde. Honor hat es immer gut beschrieben:"Ein Cheese ist keine gute Taktik sondern deckt nur die Lücken in unserem eigenen Spiel auf und nutzt diese aus". So oder so ähnlich :D

MfG.

Andreas

7. Dezember 2015 - 9:28
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Zweileiter
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18.01.2017 - 11:23
28.01.15
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Ich hasse Käse.... zumindest in SC2 =) sonst macht Käse alles besser!

Aber es stimmt schon, eigentlich sollte man sich nicht aufregen sondern einfach sich selbst an die Nase packen und das Replay analysieren, wo man´s selbst verbockt hat. Denn eigentlich sind Cheeses voll der Käse und bedeuten instant win wenn man es hält.

Dennoch ist es grad in den unteren Liegen (selbst noch Gold) oft frustrierent, weil ein chees schnell erlernt werden kann während eine gute und langzeit orientierte BO schwerer zu meistern ist. Man selbst möchte das Spiel lernen und Spaß dabei haben, während es anderen, so scheint es, nur darum geht schnell hoch zu kommen und jede Partie nur Mittel zum Zweck ist.

Aber das macht eben SC2 aus, einige spielen um zu gewinnen und verlieren denk ich schnell auch das Interesse und andere (wie ich) haben Spaß am Lernprozess und geniesen auch mal ein langes Match gegen jemanden auf Augenhöhe. Diese Leute landen dann nämlich auch in der Friendlist und werden unter Umständen zu Trainingspartnern.

Allerdings finde ich in großen Tunieren Cheeses (wenn eben nicht alls All In gespielt) super! Einfach um zu sehen wie ein Progamer auf sowas reagiert und eben nicht jedes Match ein reiner Macro-Schlagabtausch ist.

@Franki: Ich find es viel amüsanter wenn Spieler cheesen, verlieren und dann flamen! =) Oder noch besser am verlieren sind und dann bätteln, man solle sie gewinnen zu lassen (hatte ich auch schon).

7. Dezember 2015 - 10:49
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Muffinman
Core
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10.06.2019 - 14:51
15.11.13
370

Doch mit dem dritten und letzten Addon hat sich alles geändert: Heute ist nur noch ein 12-Pool möglich. Dieser ist durch das erhöhte Starttempo aller Rassen jedoch nicht mehr so effektiv wie sein Vorgänger, kann aber noch immer gehörigen Schaden anrichten.

Kann man jetzt für das ZvZ nicht ganz stehen lassen. Der momentan beste Build ist der -13Gas, -12Pool, da dieser richtig ausgeführt jedem anderen Opener im ZvZ überlegen ist. Heißt man kann ihn auch mit -17Pool, -Hatch oder ähnlichen Builds kaum verteidigen außer der Gegner macht Fehler. Eigentlich ist es als Cheese anzusehen, wird aber im noch sehr jungen META zur Standad-Bo, da man ansonsten gegen diesen Build verliert.

Zum TvZ könnte man ebenfalls anführen, dass wohl momentan der 3Rax-Reaper-Rush als stärkster Opener gegen zerg angesehen wird. Die Terraner haben momentan extreme Probleme mit den Roach-Ravager-Ling Builds der Zerg und der 3Rax-Reaper-Build ist die beste Antwort die bisher gefunden wurde. Zu meinem Glück hab ich diese Strategie bisher nur selten abbekommen, sehe aber auf diversen GM-Streams wie sich die Zerg daran die Zähne ausbeisen. Ist es noch Cheese, wenn ein solcher Build zum Standard wird, da man ansonsten nicht ins Lategame kommt?

7. Dezember 2015 - 14:53
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M4L0R
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18.04.2016 - 12:51
13.02.15
3

Ich kann mich hier eigentlich nur anschließen. Wirklich ein gelungener Beitrag.

Ich glaube jeder, der schonmal gecheesed wurde kennt dieses Gefühl der Wut. Das erinnert mich an eine Wette, ich ich unlängst verloren habe: "Ich trinke in 30 Sekunde, 5 Liter Wasser." Nach 30 Sekunden hat er gewonnen und ich verloren. Warum? Ganz einfach: Nicht aufgepasst. Scouten ist nicht erst seit dem Cheesen wichtig, also immer die Augen offen behalten und richtig reagieren, dann verreckt der Feind an seiner eigenen Medizin.

13. Dezember 2015 - 23:01
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Incognito
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07.11.2017 - 21:42
20.04.15
75
Hallo zusammen, jaja, der gute alte Cheese. Die wohl kontroverseste und häufig diskutierteste Sache - neben Balancing - in Starcraft II. Ich persönlich kann die Aversion vieler SC II Spieler gegenüber Cheeses nicht verstehen. Es ist Teil des Spieles und meiner Meinung nach eine valide Option für jeden Spieler. Genauso, wie man im Poker All-ins oder Bluffs spielen kann, sind Cheese-Strategien ein legitimes Mittel, dem Gegner entweder für seine gierige Spieleröffnung zu bestrafen oder aber sehr früh im Spiel aus dem Konzept zu bringen. Ich glaube, dass viele Spieler, die gegen Cheeses verlieren, die Tatsache eines leicht gewonnenen Spiels durch eine "billige" Taktik gerne als vorgeschobenes Argument der Ausrede nutzen, warum sie verloren haben. "Der Gegner wisse ja nicht wie man ein Macro-Game spiele und man hätte ein solches Spiel mit sicherheit gewonnen" wird dann oft als Argumentation verwendet. Fakt ist doch, dass man (theoretisch) jeden Cheese verteidigen kann, wenn man nur gut genug scoutet und die richtigen Schlüsse zieht. Wie schon mehrfach hier im Kommentarbereich genannt, zwingt der Cheese dem Spieler auf die harte Tour, sich anzupassen und aus den gemachten Fehlern zu lernen. Und für den erfahrenen SC-Spieler, der aufmerksam in die Partie geht, stellt ein Cheese oftmals keine Hürde mehr dar. Ach, und noch ein Fakt spricht für Cheeses aus Unterhaltungssicht: Der Spielverlauf nimmt in der Regel ungewohnte Richtungen, die SC II Matches in Turnieren auch oftmals so interessant machen.
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